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Entstehung von Religionen

Vorbereitung des Bewusstseins
Vor etwa 2,5 Mio. Jahren begann Homo habilis mit der Herstellung von Steinwerkzeugen, welches eine Subjekt-Objekt-Trennung des Bewusstseins voraussetzt und dem Fleischverzehr (Jagd), welches eine vorausschauende Planung erforderlich macht.

Bei dem Homo-erectus, vor etwa 1,5 Mio. Jahren war das Bewusstsein nun soweit erstarkt, dass es sich als Ich erlebt und nun bewusst getrennt von der Umweltist. Ein reflexives Bewusstsein stellt sich heraus, welches das Denken in Kausalzusammenhängen ermöglicht. Ab der Werkzeugherstellung setzte eine merkliche Vergrößerung des Gehirnes ein und auch die Feuerbenutzung und vermutlich schon frühe Formen des Schädelkults (Fund von Chou-k´ou-tien) wurden eingeführt.

Das nun entfaltete Bewusstsein der frühen Homo Sapiens - aber auch schon vorheriger Vertreter der Gattung Homo - verlangte eine bewusste Orientierung in der Welt. Bis dato basierte das sich zurecht finden in der Welt unbewusst, man kann es "Instinkt" nennen (als Synonym für das "Unterbewusste" vorbewusster Lebewesen). Diese Suche nach einer Orientierung nun ist die Entstehungsgeschichte von Religionen. Jedoch wird der Begriff "Religion" in der Religionswissenschaft erst ab dem Zeitpunkt des Glaubens verwendet. Vorherige, sogenannte "Prä-Religionen" basieren zwar ebenfalls auf Religiösität (als persönliche Spiritualität zu verstehen), aber verwenden statt der Methode des Glaubens die Methode des Rituals (Mythos).

Die Arbeitsteilung auf kooperierender Grundlage innerhalb kleiner Gruppen erscheint als die Basis, welche die Entkopplung von Bedürfnis und Befriedigung erlaubte und dadurch aufeinander aufbauende kulturelle Leistungen (wie Werkzeuggebrauch) als integralen Bestandteil im Verhalten der Menschen verankerte.
Diese Fähigkeit, wie auch die Fähigkeit zu Konfliktvermeidungsstrategien, scheinen erst auf Grundlage einer bestimmten emotionellen Ausstattung möglich geworden sein, welche Konfirmität zu gemeinsamen Normen ermöglichte und so kulturell tradiertes Wissen über soziale Regeln dauerhaft verfügbar machte.
Der Werkzeuggebrauch bei frühen Vertretern der Gattung Homo ist wahrscheinlich Folge, nicht Auslöser dieser Veränderung in der Sozialstruktur. (J. Wettlaufer)

Religiöses Erleben, das mit der Entstehung des menschlichen Bewusstseins verbunden zu sein scheint, begann vermutlich beim Homo erectus vor 500.000 Jahren, wie als Kulthandlungen interpretierbare arrangierte und bearbeitete Knochenreste Verstorbener vermuten lassen. (wiki: Schamanismus)

Die Fähigkeit zur Kultur selbst (also kognitive Fähigkeiten, Werkzeuggebrauch, soziale Kommunikation) dürften ihrerseits über lange Zeit durch natürliche Selektion begünstigt worden sein. (W. Menninghausen)


Vor-religiöse Formen
Die religiösen Vorformen (wie Animismus, Totemismus und Schamanismus) erleben noch keinen Glauben, sondern nur Mythos und Ritual. Glaube entsteht erst aus dem Mythos der animistisch-schamanischen Gesellschaften.

Als sich vor etwa 200.000 - 100.000 Jahren die Selbstwahrnehmung und das Bewusstsein hinreichend entwickelt haben, wurden die bisher weniger relevanten Dinge (wie Tag/Nacht, Sonne/Mond/Sterne, Geburt/Tod) ins Weltbild eingepasst.
(D. Brandt)

„Die ersten Menschen, die zu jener Zeit vor zweihunderttausend Jahre auf der Erde lebten, waren nicht nur Jäger und Sammler – sie waren auch Magier. … Die erkennenden Vorgänge verwechseln in dieser Phase nicht nur Subjekt und Objekt, sondern auch Ganzes und Teil. … Auf dieser frühen Stufe ist der logische, sprachbegabte und Begriffe prägende Geist (Verstand) noch nicht entwickelt. Die mentalen Fähigkeiten sind noch einfach und grob, bestehen vornehmlich aus primären Vorgängen oder magischen Bildern, Paläosymbolen und proto-linguistischen Strukturen. … Freud scheint den Kern dieses frühen Zustandes erfasst zu haben: 'Das Ich war vor allem und überwiegend ein Körper-Ich'“ (Wilber)

Auf Grund noch fehlender Produktionstechniken kontrollieren archaische Gesellschaften die Natur nur passiv, daher ist das Ziel ihres religiösen Denkens und Handelns die Erhaltung der vorgefundenen Weltordnung.
Zwischen Physischen und Psychischen, zwischen Natur und Kultur wird noch nicht unterschieden. Die gesammte Weltordnung darf nicht verändert werden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden noch nicht getrennt. (R. Döbert)

Es ist anzunehmen, das diese Deutungssysteme nicht als Glaube, an dem man zweifeln könnte, sondern als unmittelbare, alternativlose Lebensart angesehen werden müsste. (R. Döbert)

Vor-religiöse Formen wie Animismus und Schamanismus kennen noch keinen Glauben, sondern nur Mythos und Ritual. Glaube entsteht erst später, wenn der Mythos nicht mehr Wirklichkeit ist, verliert er seine Bedeutung und schafft keine Bindung an das Göttliche mehr. Die Menschen verstehen nicht mehr, was der Mythos bedeuten soll und warum das Ritual ausgeführt werden muss. (R. Würfel)

Es ist deshalb kein Glaube, weil für den archaischen Menschen dies alles Wissen ist. Es ist für ihn die einzige Möglichkeit, die Welt zu erklären und zu erhalten. Er braucht nicht daran zu glauben, denn er erfährt all das wirklich, es macht für ihn Sinn. Erst wenn man diesen Sinn nicht mehr erkennen und das Phänomen nicht mehr erfahren kann, muss man sich eine Konstruktion bauen - dies ist der Glaube. Dies passiert in dem Moment, als das Ego erwacht (siehe Julian Jaynes, R. Würfel)

Das Ritual ist dabei - entgegen zum Glauben - als alternativloser Lebensalltag anzusehen, womit es die Möglichkeit des Nichtglaubens nicht gab.

Rituale, die regelhaft an die Zusammengehörigkeit der Siedlungsgemeinschaft untereinander und ihre Zugehörigkeit zum bewohnten Land erinnerten, stellten wohl das wirkungsmächtigste Instrument für die Tradierung der Erinnerung dar und die Sekundärbestattung bildete das Medium, mit dem die Identität der Gemeinschaft bis auf deren Ursprünge zurückgeführt und die Zugehörigkeit zum Raum (Land) über die Geschichte legitimiert werden konnte." (M. Heinz)

Da das Weltbild der Hominiden im Kern nur aus "Wesen" bestand (Animismus), musste also "Jemand" für Geburt, Regen, Blitz und Tod verantwortlich sein. Wesen also, die so mächtig wie Sonne und Mond waren. (D. Brandt)

Mit der "Entdeckung", das es außeralltägliche "Kräfte" gibt, ist auch die Entstehung des Geisterglaubens verbunden. Die Konzipierung übersinnlicher Wesen, welche das Schicksal der Welt beeinflussen, entspricht einer ersten Abstraktionsstufe. Durch extatische Erfahrungen (Orgien, Trance) entsteht die Vorstellung der Seele "als eines vom Körper verschiedenes Wesen, welches hinter, bei oder in den Naturobjekten in ähnlicher Art vorhanden ist, wie im menschlichen Körper etwas steckt, was ihn im Traum, in Ohnmacht und Extase, im Tod verlässt". (sinngemäß M.Weber)

Für den archaischen Menschen besteht ein „Bruch im Raum“, wie es Eliade nennt. Einerseits ist da der "Kosmos", der eigene Raum, den man geheiligt und kultiviert hat, den man überschaut, in dem die eigenen Gesetze gelten. Dann gibt es aber auch das "Chaos", den anderen Raum, der natürlich geblieben ist und nicht kultiviert wurde, den man nicht überschaut, in dem andere Gesetze gelten. Hier leben die Dämonen, die Geister, ggf. auch die Ahnen.. Und dieses Chaos kann jeden Moment hereinbrechen, zuweilen meint man, es an den Brüchen auch wirklich zu Tage treten zu sehen.
(R. Würfel)

Vor 120.000 bis 40.000 Jahren, im Mosterian (Mittelpaläolithikum) fanden bei den Neandertalern die ersten uns bekannten Bestattungen statt. Häufig in lockerer seitlicher Schlafstellung und mit vielen Kindesbestatungen. Gerade der Nachwuchs war den Neandertalern (überlebens-)wichtig, dementsprechend wurden die verstorbenen Nachkömmlinge sorgfältig bestattet. Archäologisch gilt dies als erste nachvollziehbare Auseinandersetzung mit dem Tod.

Im mittleren Paläolithikum erschienen die ersten bekannten Begräbnisse. In Bodenlöchern wurden die Toten begraben, oft zusammen mit Steinwerkzeugen, Requisiten und Teilen von Tieren. Diese Bestattungen liegen zeitlich zwischen 120.000 v.u.Z und 37.000 v.u.Z. und gelten als die ältesten bekannten, religiös motivierten Handlungen. Diese Bestattungen, aus denen geschlossen werden kann, dass Tote bewusst begraben wurden, gelten als älteste Formen kultischer Praktiken in der Urgeschichte. Sie erscheinen sowohl beim Neandertaler als auch beim Homo sapiens, wobei sich die Form der Begräbnisse kaum unterscheidet.
(wiki: Religion im Paläolithikum)

Es wird von den meisten Wissenschaftlern angenommen, dass sowohl der Neandertaler als auch der frühe Homo sapiens im Paläolithikum bereits eine religiös-kultische Prägung aufgewiesen haben. Funde, die religiös-kultisch gedeutet werden können, sind beispielsweise Höhlenmalereien, jungpaläolithische Kleinkunst, Frauenfigurinen und andere Skulpturen wie der Löwenmensch sowie Gräber und ihre Ausstattung. (wiki: Religion im Paläolithikum)

Die Einheitserfahrungen, die aus rituellen Handlungen erwachsen, werden fast immer von starken Gefühlszuständen begleitet, die wiederum selbst von rhythmischen Gesten und Gebärden herrühren. … Es ist denkbar, dass ostentative Handlungen bei zeremoniellen Ritualen über längere Zeit das Interesse der Amygdala wachhalten und … zu einer leichten Angst oder Erregungsreaktion führen können … Vermischt mit dem seligen Frieden der übermäßigen Ruhe, wird diese Erregung vielleicht als 'religiöse Ehrfurcht' erlebt.“ (A.Newberg u.a.)

Ab der Zeit vor etwa 50.000 Jahren fängt Homo sapiens sapiens an, Gebrauchs- und Kunstgegenstände zu erschaffen. Ab hier lässt sich dann von der "kulturellen Evolution" reden, die nun mit dem selbstreflexierenden Bewusstsein verbunden ist und als Quelle der Kreativität zu benennen ist. Die Homo sapiens sapiens fingen mit der Herstellung von Gravierungen, Skulpturen und Reliefen an. > "Löwe-Mensch"
Darüber hinaus fand man aber auch eine Elfenbeintafel (4 cm) mit dem Relief eines stehenden Menschens mit erhobenen, grüßenden (abwehrenden?) Händen. Auf der Rückseite ist eine Serie aus Punktelinien eingearbeitet, welches auf Grund passender Zahlenkombinationen eine Verbindung zu Sonnen- und Mondphasen darstellen könnte. (ca. 40.000 v.u.Z.) Beides (Skulptur + Relief) stellt erstmalige Erzählungsinhalte dar, welche über die "irdische Spähre" hinaus reichen.


Schamanismus
ist die Bezeichnung für die Glaubensvorstellungen und spirituellen Praktiken von Schamanen. Der Schamanismus wird wegen der Schwierigkeit, ihn klar gegen Religion abzugrenzen, häufig phänomenologisch und anthropologisch als Auftreten „von Schamanen im Rahmen eines komplexen Systems von Glaubensvorstellungen“ definiert. Diesem kleinsten gemeinsamen Nenner können sich alle kontroversen Forschungsmeinungen anschließen. Im Allgemeinen wird der Schamanismus als die älteste, genauer nachweisliche Form religiösen Denkens beim Menschen bezeichnet. Der Schamanismus ist jedenfalls seit der frankokantabrischen Höhlenkunst des Aurignacien im Jungpaläolithikum relativ sicher nachweisbar, also vor etwa 30.000 Jahren. (wiki: Schamanismus, M. Eliade)

Hultkrantz definiert: „Der Schamanismus bildet ein religiöses Glaubenssystem, das auf religiöser Erfahrung und sakralen Mythen sowie auf Riten beruht. Letztere finden ihren Ausdruck durch kulturspezifische schamanistische Techniken, unter denen Trance oder Ekstase eine hervortretende Rolle spielen.“

Frühformen des Schamanismus in der Religionsgeschichte sind nur insofern umstritten, als Uneinigkeit darüber herrscht, ob sie eher im Paläolithikum oder im Neolithikum anzusiedeln sind.

Jedes wirksam erprobte, symbolische Verhalten wird nun streng in der einmal erprobten Form wiederholt (> Sterotypisierung)


Primitive Religionen
Fähigkeit zur Symbolisierung, religiöses Symbolsystem "das Träumen", animistische Ahnengestalten gelten als Schöpfer gewisser weltlicher Dinge, werden dabei aber (noch) nicht als "Götter" verehrt, Ausübung festgelegter Rituale, es gibt noch keine Art von religiösen Vermittler, es existiert keine klare Trennung zwischen Diesseits und Jenseits, die Mythen sind ohne feste Struktur und veränderbar. (Rober N. Bellah)


Religionen der Wildbeuter (Jäger und Sammler)
> Jagdriten, Tänze, steinzeitl. Felsenbilder
> Totemismus
Die Fruchtbarkeit der Erde spielte keine Rolle, daher auch keine Fruchtbarkeitsgötter und auch noch kein ausgeprägter Ahnenkult, Im Mittelpunkt des Interesses steht der "Herr der Tiere" (wiki: Naturreligion)


Totemismus: Diese erste Stufe menschlicher Systematisierung geht aus der sozialen Organisation des Clans hervor. Das Denken in Kategorien (Erscheinungskomplexen ein Totem zuzuordnen) entsteht erst aus der Organisation der Gesellschaft (Clan)
Totemismus macht dabei nicht ein Tier oder eine Pflanze (> Totem) zu "Gott", sondern bezieht sich auf eine anonyme, unpersönliche Kraft, welche dem totemisitschen Dingen innewohnt, aber dabei nicht identisch mit ihnen ist. (E. Durkheim)

Wobei hier der soziologische und der psychologische Standpunkt etwas aus einander gehen. Insbesondere bei Durkheim wird die Kritik eingeworfen, das eine Beziehung zwischen Totemismus und Clanorganisation nicht immer gegeben sei.

Kultisch und gemeinschaftlich erzeugt werden dabei Gefühle der physischen und psychischen Überreizung (Orgien, Trance, Ektase).

Aber die religiösen Riten und Strukturen dienen dabei immer dem Erhalt der Gesellschaft und vergegenwärtigen symbolisch den sozialen Zusammenhang.
(E. Durkheim)

Für die Zeit um 20.000 -15.000 v.u.Z. findet sich in einem Schacht der Höhle Lauscaux, die isolierte Darstellung eines sterbenden, vogelköpfigen Mannes mit erigierten Penis (wohl als Zeichen für einen gewaltsamen Tod) und einem, durch einen Wurfspeer wohl tödlich verwundeten Bison. Dieses zählt als die erste bekannte Darstellung des Todes, bzw. eines Sterbenden.


Manismus
Ahnenkult, auch Ahnenverehrung oder Manismus genannt, ist ein ritueller Kult, bei dem tote Vorfahren verehrt werden. Die Ahnen stehen entweder in direkter familiärer Linie oder waren Oberhaupt einer Gruppe. Fast immer wird der Ahnenkult in Verbindung mit einem Opfer praktiziert, z. B. einem Trank-, Speise-, Brand- oder Kleidungsopfer (in frühen Zeiten auch einem Menschenopfer).
(wiki: Ahnenkult)

Ein Kennzeichen des gesamten Neolithikums ist der „Schädelkult“, bei dem die Köpfe der Verstorbenen separat von den Körpern aufbewahrt wurden. Jedoch wurde der Kopf erst nach vollständiger Verwesung abgetrennt. Die ersten Hinweise auf eine nachträgliche Entnahme des Kopfes aus einem Grab finden sich im Vorderen Orient bereits um 60.000 v.u.Z. bei einem Neandertalerskelett aus der Kebaran-Höhle (Israel). In den Gräbern des levantinischen Natufiens (12.000 – 10.000 v.u.Z.) häufen sich die Exhumierungen von Totenschädeln.


Stammesreligion
ist eine in der Religionswissenschaft gebräuchliche Bezeichnung für Religionen, deren Anhänger durch Abstammung und gemeinsame Kulturtradition verbunden sind. Ein Kennzeichen von Stammesreligion ist die Beschränkung auf einen vergleichsweise kleinen Kreis von Anhängern und ein bestimmtes Siedlungsgebiet. Ethnie und Religion sind hier untrennbar miteinander verbunden. Andere Bezeichnungen sind traditionelle Religion oder ethnische Religion. (wiki: Stammesreligion)

In Bezug auf die germanischen Stämme hebt Rainer Flasche hervor, dass für „Stammesreligionen ... ein auf das Diesseits und die Lebensgemeinschaft gerichtetes, den überlieferten und angenommenen Ordnungen entsprechendes Sich-Verhalten eben gegenüber jenen Ordnungsprinzipien“ typisch ist. Die Götter werden noch nicht – wie später im Monotheismus – völlig in ein Jenseits projiziert, sondern sie „sind eingeschlossen in die soziale und kosmische Ordnung, die immer als ein Ganzes ... erfahren wird. Die Gemeinschaft der Götter, der Lebenden und der Verstorbenen in ihrem gemeinsam dem Leben verhafteten Werdecharakter macht ... die germanische Religion in ihrer uneingeschränkten Diesseitsbezogenheit zu einer typischen Stammesreligion.“
Stammesreligionen sind also ein Zwischenglied zwischen dem archaischen bzw. magisch-mythischen Denken, das diese Ordnungsprinzipien noch rein sakral versteht, und dem monotheistischen Denken, das Gott vollständig in ein Jenseits versetzt, von dem die Menschen komplett getrennt sind und in das sie nur selten Einblick haben.

Durch Systematisierung und Rationalisierung des Gottesbegriffes wurden magische Elemente verdrängt.

Während die "Götter" erst identisch mit materiellen Dingen (wie Feuer) waren, wurden nun die diese materiellen Dinge zum Symbol für einen nicht direkt anwesenden, menschenartigen "Gott". Sie wurden personifiziert.
Es kommt zu einer "Flutwelle symbolischen Handelns, das den ursprünglichen Naturalismus verdrängte" (M. Weber)

Religionen der Ackerbaukulturen
Im Mittelpunkt des Interesse steht die Erde (Natur) und ggf. "göttliche" Muttergestalten
(wiki: Naturreligion)


Chthonismus bezeichnet eine mythologische Weltanschauung, in der die als Mutter personifizierte Erde im Mittelpunkt steht. Der Begriff wird insbesondere in der Religionsphilosophie und in der Ethnologie verwendet. (wiki: Chthonismus)


Um 12.000 -10.000 v.u.Z., im Epipaläolithikum (auch Proto-Neolithikum) der
Levante (Fruchtbarer Halbmond, „Natufien“), beginnt der Prozess der Sesshaftigkeit. Die Toten werden einzeln oder zu mehreren, in liegender Haltung mit angezogenen Beinen (Hockerstellung) bestattet. Grabbeigaben die auf bestimmte Jenseitsvorstellungen oder Totenrituale schließen lassen, blieben die Ausnahme. Schmuckgegenstände aus Muscheln und Knochen sind dagegen die Regel und dürften aus dem persönlichem Besitz der Verstorbenen stammen. (> siehe Linearbandkeramik um 5500 v.u.Z.)

Um 10.000 -9.000 v.u.Z., im Akeramische Neolithikum (PPN A) entstehen in einem religiös-rituellen Kontext die mind. 20 großen kreisförmigen Anlagen aus meterhohen Steinplatten in Göbekli Tepe, als möglicherweise erste "Tempel".

Um 10.000 - 6.000 v.u.Z., in der Jungsteinzeit (Neolithikum) erforderte das gemeinschaftliche Zusammenleben auf engen Raum neue Regeln und Normen, einschließlich bestimmter Personen oder Instanzen, die für die Konfliktlösungen zuständig waren. Handwerker spezialisierten sich und religiöse Vorstellungen entwickelten sich, da die magischen Praktiken der Jäger und Sammler nicht mehr genügten.

Die Linienbandkeramik (5500-5000 v.u.Z.) kennt Einzel- und Kollektivbestattungen, Brandbestattungen, Teil- und Körperbestattungen auf Grabfeldern, in Siedlungen und an anderen Orten. Bisweilen finden sich beide Bestattungsformen auf demselben Gräberfeld. Bei den Körpergräbern handelt es sich um rechte oder linke Hocker, die in Tracht und mit Beigaben bestattet wurden. Typische Trachtbestandteile sind Schmuckgegenstände aus Spondylus gaederopus, einer Meeresmuschel, die in der Adria und in der Ägäis verbreitet war und über weite Strecken gehandelt wurde. Aus ihr wurden Perlen für Ketten und Kopfschmuck, Armringe und Gürtelschließen hergestellt.
(wiki: Bandkeramische Kultur)

Wie bei allen schriftlosen Kulturen der Vor- und Frühgeschichte können über die Weltsicht oder die religiösen Vorstellungen der Menschen der Linearbandkeramik keine gesicherten Aussagen getroffen werden. Hinweise liefern die anthropomorphen (menschengestaltigen) Plastiken und Ritzzeichnungen, denen in der Forschung stets ein großes Interesse zukam. Sie werden von der Mehrzahl der fachwissenschaftlichen Publikationen in den religiösen Bereich der Bandkeramik eingeordnet. Verschiedene Autoren interpretieren sie als Ausdruck von Fruchtbarkeitskulten, der Verehrung einer Urmutter oder als die Manifestation eines Ahnenkult. Diese Deutungen müssen einander nicht ausschließen. (wiki: Bandkeramische Kultur)


Religionen der Hirtennomaden
> patriarchalisch, Frauen oft von religiösen Funktionen ausgeschlossen, Fruchtbarkeistsgottheiten weitestgehend unbekannt (da unnötig). Neben den Tieren stehen Gott und Himmel im Interesse. (wiki: Naturreligion)

Die menschliche Hierarchie, das Rangordnungsverhalten der Sippenmitglieder gegenüber dem Alpha, wurde auf die übermenschlichen Wesen übertragen: huldigen, loben, opfern, sich unterwerfen und dienen waren nun die Rituale.
Typische Religionsmerkmal bildeten sich: Kulte, Rituale, Opferungen und besondere Tabus. (D. Brandt)

Doch das Verständnis des Mythos verlor sich mit der Zeit. Die Rituale wirkten nicht mehr, der Mythos wurde nicht mehr erlebt – er musste nun geglaubt werden. Die Erzählung des Mythos wird zum Glaubensinhalt, und das Ritual wird zur Zeremonie.

Nicht der Glaube oder die Religion selbst sind als eigentlicher evolutionärer Vorteil einzustufen, sondern die (dadurch mit bewirkte) Verstärkung der Sicherheitsbedürfnisse, die aber ein sozialer Faktor sind, kein Ideologischer. Glaube und Religion sind somit als Nebenprodukt der Sicherheitsbedürfnisse entstanden, ohne dabei direkt die Populationszahlen zu beeinflussen. (D. Brandt)


Historische Religionen
Religionen werden nun universalistisch, wodurch es nicht mehr bedeutend ist, aus welchen Clan oder Stamm man kommt. (R.N.Bellah)

Während im primitiven Ritual das Individuum sich mit dem göttlichen Kosmos vereinen konnte, kann es ihm jetzt durch die Rituale nur näher kommen, bleibt aber niederer. Eine Versöhnung und Verbindung kann in der diesseitigen Welt nicht mehr hergestellt werden. (R.N.Bellah)

Die religiös-politische Hierarchie archaischer Gesellschaften spaltet sich in eine politische und eine religiöse Hierarchie. (R.N.Bellah)


Polytheismus
„Am Anfang der Weltreligionen steht eine beispiellos geistige Wende. … die kollektive Wahrnehmung bringt nicht mehr, was sie einst erbrachte. Sie verlor ihre zutiefst sinngebende und identitätsstiftende Kraft. Wahrheit, eigene Identität ermöglichende, zutiefst bewegende und den Menschen erfüllende Wahrheit wird nicht mehr in der kollektiven Trance des Festes zuteil.“ (G. Schmid, R. Würfel)

Weiterhin ist es Ziel, die vorhandene Weltordnung zu erhalten. Staat und Königtum werden Gegenstand der Mythologien, müssen aber, um sie zu erhalten, durch Rituale immer wieder sakralisiert und dadurch legitimiert werden. Die religiösen Deutungsmuster bestimmen das Verhalten aber nicht mehr wie ein unabänderliches Gesetz, sondern müssen nun kodifiziert und gelehrt werden. (R. Döbert)

Neu ist die Konstruktion eines Pantheons personifizierter Götter. Natürliche Phänomene werden nun als Manifestation des göttlichen Handelns angesehen, nicht aber als identisch mit den Göttern.
Da die Götter nun wie Personen sind, wird es möglich und nötig mit ihnen zu interagieren. Bitte, Opfer und Verehrung erscheinen als Formen des religiösen Handelns. (R. Döbert)

Nach Ausdifferenzierung einzelner Naturerscheinungs-Wesen kam die Frage nach deren Erschaffer auf. Die Struktur des menschlichen Alpha wurde auf die übernatürlichen Wesen übertragen. Aus Polytheismus wurde dadurch dann Monotheismus. (D. Brandt)

Das Denken über die Götter (v.a. durch die Priesterschaft) führte zur Festlegung der Existenz und Qualität (vor allem durch Antropomorphisierung und Kompetenzabgrenzung) der Götter. Dies ist die zentrale Voraussetzung, das Götter universell werden konnten. Diese Tendenz der Universalisierung führte dann zum Monotheismus.

Hochkulten führen zusätzlich Gottheiten für Städte, für Krieg, Handel und Justiz ein.
Der Pantheon spiegelt nicht mehr die Natur, sondern die entwickelte menschliche Gesellschaft wieder. (wiki: Naturreligion)


Als Mysterienkult oder Mysterienreligion wird ein Kult oder eine Religion bezeichnet, deren religiöse Lehren und Riten vor Außenstehenden geheim gehalten werden. Die Aufnahme in eine solche Kultgemeinschaft erfolgt gewöhnlich durch spezielle Initiationsriten. Die bekanntesten Mysterienkulte der antiken Welt sind die Mysterien von Eleusis, die samothrakischen Mysterien, der Dionysoskult, der Kult des Liber Pater in Rom und in Süditalien, der Mithraskult, der Kybele- und Attiskult, der Isis- und Osiriskult. (wiki: Mysterienkult)

Zum allgemeinen Wesen der Mysterienkulte gehören:
* der sterbende und auferstehende Gott
* der Mutterkult
* die Wiedergeburt und Unsterblichkeit.


Monotheismus
Erst mit dem Monotheismus adaptiert Religion das "Gute" als etwas Eigenes und Einzelnes.

Durch die Verbindung eines kontinuierlichen Verbandes von Menschen (Gemeinde) und durch ein kontinuierlich einem und dem selben Gott gewidmetes Tun (Kult) erhalten die Göttergestalten mit der Zeit Kontinuität. (M. Weber)

Durch Entwicklung und höhere Ansprüche an die Qualität der Rechtsfindung werden auch die ethischen Ansprüche an die Götter größer. Diese ethischen Götter setzen dann den Menschen verbindliche Normen, der Begriff "Sünde" entsteht und damit auch das Anliegen auf Erlösung. Wobei aber nicht jede Religion eine Erlöserreligion wurde. Frömmigkeit wird nun zur Grundlage der religiösen Lebensführung.

Im Glaube kontrolliert die jenseitige Spähre das Diesseits und wird daher als wertvoller betrachtet, wodurch der Wunsch auf Erlösung oder Erleuchtung entsteht. (R.N.Bellah)

Die Gottesvorstellungen wurden ethisiert, neben Macht und Allwissen traten auch Liebe, Güte und Gerechtigkeit als göttliche Aspekte nun stärker auf.
Auf Grund seiner Güte kann Gott jedoch nicht mehr für die negativen Aspekte auf der Erde verantwortlich gemacht werden und wird deshalb ins Jenseits, in Transzendenz, angesiedelt.
Dadurch zerfällt das Weltbild noch stärker in zwei Teile, wobei das Diesseits zur Durchgangsstation wird. Durch das Verdrängen Gottes ins Jenseits wurden sowohl die Natur, als auch gesellschaftliche Institutionen entsakralisiert und damit transformierbar. Der Mensch bittet nun nicht mehr um irdische Güter, sondern um Erlösung. Ausschlaggebend für die Erlösung ist nun aber nicht mehr das Befolgen von Ritualen und Opfern, sondern eine gottesfürchtige Gesinnung - die Frömmigkeit.
(R. Dobert)

„In der 'Entferntheit Gottes' drückt sich in Wirklichkeit das steigende Interesse des Menschen für seine eigenen religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Entdeckungen aus.“ (Eliade 1998)

Was den religiösen Glauben – im Gegensatz zum kultischen Ritus – für den Einzelnen so attraktiv macht, ist dass er unmittelbar vom Individuum erfahren werden kann.
(G. Schmid, R. Würfel)

Doch dieser Glaube verlangt auch Hingabe. Diese Hingabe braucht aber ein Objekt, da Gott fern ist. Aus Kultgegenständen werden Symbole, die den Menschen an den Glauben binden und gleichzeitig an den Menschen gebunden werden. Und es bedarf einer Initiation. Diese Initiation geschieht im Rahmen einer Gemeinschaft, die Initiation ist zugleich auch Aufnahmeritual in die Gemeinschaft des Glaubens. (R. Würfel)


Judentum
„Gegenüber den archaischen und altorientalischen Religionen und den in Indien und Griechenland ausgebildeten mythologisch-philosophischen Vorstellungen von der ewigen Wiederkehr bringt das Judentum eine grundlegende Neuerung. Für das Judentum hat die Zeit einen Anfang und ein Ende. Die Idee der zyklischen Zeit ist überholt.“ (Eliade 1998)

Protestantismus
Die grundlegend magische Interpretation der Eucharistie als Wiederholung des paradigmatischen Opfers wird ersetzt durch die Interpretation als Erinnerungsakt an ein ein-für-alle-Mal historisches Ereignis (Kreuzigung). (R.N.Bellah)

"Der wahnhaft Religiöse folgt seiner inneren Wahrnehmung exklusiv, ohne Rücksicht auf reale Gegebenheiten, ohne Rücksicht auf eigene und fremde Verluste an realer Erfahrung. Im Gegenteil, Verluste nennt er 'Opfer'. ... Er opfert zuerst die ganze äußere Realität seiner inneren Wahrnehmung. Anschließend und weil niemand ohne äußerlich wahrgenommenen Welt leben kann, zwingt er die äußerlich wahrgenommene Welt, seiner inneren Wirklichkeit zu entsprechen."
(G. Schmid, R. Würfel)

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Quellen:
* Dieter Brandt (pdf): "Gott: mitschuldig?"
* Jörg Wettlaufer (pdf): "Kognitive und kulturelle Evolution"
* Winfried Menninghausen (pdf): "Biologische Evolution und Kultur"
* Marlies Heinz: "Vorderasiatische Altertumskunde"
* Georg Schmid: "Zwischen Wahn und Sinn"
* Ralph Würfel (noch unveröffentlicht)
* Ken Wilber: "Halbzeit der Evolution"
* Mircea Eliade: "Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen" (1998)
* Mircea Eliade: " Die Schöpfungsmythen" (Neuauflage 2002)
* Mircea Eliade: "Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr." (2007)
* Andrew Newberg / D'Aquili, Eugene / Rause, Vince: "Der gedachte Gott"
* Rainer Flasche, in: Gunther Stephenson (Hrsg.) „Leben und Tod in den Religionen: Symbol und Wirklichkeit“
* Niklas Luhmann: "Die Religion der Gesellschaft"
* Max Weber, Emile Durkheim, Rainer Döbert, Robert N. Bellah: http://www.socio.ch/relsoc/t_fernandez.htm

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