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Humanismus - Überblick

1. Begriffserklärungen

1.1. "Philanthropie und Menschenfreundlichkeit"
Unter Philanthropie (‚Freund‘+ ‚Mensch‘) versteht man ein menschenfreundliches Denken und Verhalten. Als Motiv wird manchmal eine die gesamte Menschheit umfassende Liebe genannt, die „allgemeine Menschenliebe“. Damals bezeichnete der Ausdruck meist eine wohlwollende, großzügige Einstellung Vornehmer, Mächtiger und Reicher gegenüber ihren sozial schwächeren Mitbürgern. Zur Philanthropie gehörten auch bedeutende freiwillige Leistungen wohlhabender Bürger für das Gemeinwohl.
Mit dem Begriff „humanitär“ verbindet sich heute fast immer der Sinn von „wohltätigem, selbstlosem, großherzigem usw. Verhalten gegenüber Armen und Hilfsbedürftigen“.

1.2. „Humanität und Menschlichkeit“
Den Ausgangspunkt für die Formulierung und Verbreitung des Gedankenguts, das später „humanistisch“ genannt wurde, bildete der antike römische Begriff humanitas („Humanität“, „Menschlichkeit“). Das vom Adjektiv humanus („menschlich“) abgeleitete Wort ist erstmals in der von einem unbekannten Verfasser stammenden Schrift Rhetorica ad Herennium bezeugt, die im frühen 1. Jahrhundert v.u.Z. entstanden ist.
Das Bedeutungsfeld von humanitas wurde vor allem von Cicero geprägt, der später zum wichtigsten antiken Impulsgeber des Renaissance-Humanismus wurde. Den Aspekt der menschenfreundlichen Gesinnung fand er im griechischen Begriff philanthrōpía („Philanthropie“) vor. Cicero verwendete "humanitas", um das anzusprechen, was die griechischen Autoren unter philanthropia verstanden, denn das griechische Wort ließ sich nicht getreu mit einem lateinischen wiedergeben.

1.3. "humanistische Studien"
Studia humanitatis (‚humanistische Studien‘, wörtlich ‚Studien der Humanität‘) oder Studia humaniora ist seit der Renaissance die lateinische Bezeichnung für die Gesamtheit des humanistischen Bildungsprogramms. Nach dem Verständnis der italienischen Humanisten war Petrarca, der selbst diesen Ausdruck noch nicht verwendete, der Begründer der humanistischen Studien.

1.4. "Humanist"
Der älteste Beleg für humanista stammt aus dem Jahr 1490. Von den "studia humanitatis" wurde das Wort humanista (Humanist) abgeleitet. Ursprünglich war humanista eine Berufsbezeichnung für Inhaber derjenigen Lehrstühle an den Universitäten, die den studia humanitatis gewidmet waren, also dem Unterricht in lateinischer und altgriechischer Grammatik und Rhetorik und antiker Literatur, insbesondere den Werken antiker Dichter, Philosophen und Geschichtsschreiber. Als Bezeichnung für Humanisten (humanistisch Gebildete) wurde humanista erst im 16. Jahrhundert gebräuchlich.

1.5. "Paideia"
(„Erziehung“, „Bildung“) ist ein Schlüsselbegriff für das Verständnis der antiken Kultur und ein zentraler Wertebegriff. Er steht einerseits für die intellektuelle und ethische Erziehung und Bildung als Vorgang und andererseits für die Bildung als Besitz und Ergebnis des Erziehungsprozesses. Er bezeichnet damit nicht nur den Schulunterricht für Kinder, sondern die Hinwendung des Menschen zum Denken des Maßgeblichen




2. Geschichte

Sumer
Anhand der sumerischen Königshymnen, spätestens ab der Ur-III-Zeit (bspw. Šulgi 2030–1983 v.u.Z.), lässt sich erkennen, dass das Ideal des Herrschers dem griechischen Modell der Philanthropie gleich kommt. Die uns aus diesem Raum bekannte, älteste Weisheitsliteratur in Form der "Anweisungen aus Schuruppak" und "Der Rat eines akkadischen Vaters an seinen Sohn" entstanden bereits in frühdynastischer Zeit (ca. 2800–2340 v.u.Z.).


Babylon
Für die zentralen Werke der altbabylonischen Rangstreitliteratur (ab ca. 1900 v.u.Z.) gilt, dass sie bemerkenswerte Parallelen zu den lateinischen Schülergesprächen der Humanisten aufweisen.
Zum einen konnte aufgrund der Dialogform Umgangssprache eingeübt und zum anderen Verhältnisse des schulischen wie des täglichen Lebens reflektiert werden. Daneben konnten die Pädagogen über diese Texte auch soziale Normen vermitteln, deren Kenntnis und Verwirklichung als Voraussetzung des individuellen Erfolges angesehen wurden. Ähnliche Intentionen verfolgten die humanistischen Dialogschreiber mit ihren lateinischen Schülergesprächen. Fand sich ein Kind, ein junger Mensch erst einmal in diesem vielfaltigen Geflecht von Wertvorstellungen zurecht und hatte es sich dieser Art von Formung durch die Erwachsenen unterzogen und sie akzeptiert, so konnte man von ihm sagen, er handele vernünftig (úmun-AK) und sei ein ,,(wahrer) Mensch" (lú-u18-Iu ). Das Menschsein (nam-Iú-u18-Iu) - im ganz wörtlichen Sinne dem lateinischen "humanitas" entsprechend - als Erziehungsziel und normative Idee, das befähigt, als Mensch zu handeln. Erziehung wird somit, das machen die Schulstreitgespräche deutlich, ganz ausdrücklich als ein Prozess fortschreitender Wandlung und Vervollkommnung begriffen - sinngemäß dem begriff "Paideia" entsprechend


Griechenland
Der Begriff philánthrōpos („Menschenfreund“) kommt bei Homer (8./7. Jhr. v.u.Z.) und Hesiod (vor 700 v.u.Z.) zwar noch nicht vor, doch betonte Homer den Wert der philophrosýnē („Freundlichkeit“, „Wohlwollen“). Damit meinte er eine menschenfreundliche Einstellung; der Ausdruck bezeichnet bei ihm ungefähr das, was man später unter philanthropia verstand. Gerühmt wird in Homers Ilias der Held Patroklos, der „gegenüber allen“ stets eine gütige, freundliche Haltung gezeigt habe.

Aus dem 5. Jhr. v.u.Z. stammen die ersten Belege für das Wort philanthropos; es wurde von dem Verfasser der Tragödie "Der gefesselte Prometheus" – angeblich Aischylos – und von dem Komödiendichter Aristophanes verwendet. Im 4. Jhr. v.u.Z. waren philanthropia und philanthropos in Athen bereits häufige, vor allem bei Rhetoren beliebte Begriffe. In seinem Dialog "Euthyphron" ließ Platon (ca. 427-347 v.u.Z.) seinen Lehrer Sokrates erklären, er gebe aus Menschenliebe (hypó philanthrōpías) sein Wissen verschwenderisch und unentgeltlich weiter.

Platons Zeitgenosse Xenophon (ca. 425-355 v.u.Z.) – ebenfalls ein Schüler des Sokrates – verwendete die Begriffe häufig und auf vielfältige Weise. Er nannte nicht nur Götter, bestimmte Menschen und auch Tiere „menschenfreundlich“, sondern auch Künste, die das Wohl des Menschen fördern. Nach seiner Darstellung lehrte Sokrates, die Menschen seien einander von Natur aus freundschaftlich gesinnt. Wie damals üblich ging Xenophon von einer elitären Vorstellung von Philanthropie aus; unter Menschenfreundlichkeit verstand er die Haltung eines Mächtigen gegenüber Schwachen, die sich in Wohltätigkeit, Hilfsbereitschaft und Milde äußerte.

Nach dem damals vorherrschenden Verständnis von Philanthropie war die Wohltätigkeit nicht der dominierende Aspekt. Das Wesentliche war eine überlegene, vornehme Gesinnung, die sich unter anderem in Hilfsbereitschaft äußerte. Dieses Konzept formulierte insbesondere der einflussreiche Redner Isokrates ( 436-338 v.u.Z.). Aus seiner Sicht ist „das menschenfreundliche Reden und Handeln“ nicht das Ergebnis einer bloßen Naturanlage, sondern Ausdruck einer durch Erziehung (Paideia) erworbenen Haltung.

Der berühmte athenische Redner Demosthenes (384-322 v.u.Z.) hielt die philanthropische Haltung für einen besonderen Vorzug seiner Mitbürger. Träger der Philanthropie waren bei ihm nicht Machthaber und Reiche, sondern die einfachen Bürger der Stadt. Er betrachtete die Philanthropie als Tugend des Volks von Athen, das die Herrschaft im Staat ausübte, aber auch einzelner Bürger im Alltag. Dazu gehörten für ihn Qualitäten wie Freundlichkeit, Großzügigkeit und Toleranz.

Aristoteles (384-322 v.u.Z.) schrieb in seiner Nikomachischen Ethik, dass zwischen allen Wesen gleicher Abstammung aufgrund eines Naturtriebs ein Zusammengehörigkeitsgefühl bestehe. In besonderem Maße sei dies beim Menschen der Fall; daher lobe man die philanthropisch Gesinnten. Diese Feststellung ist allerdings bei Aristoteles nur eine vereinzelte beiläufige Bemerkung; er schenkte der Philanthropie wenig Beachtung. Da er fundamentale naturgegebene Unterschiede zwischen den Menschen annahm und betonte, konnte der Gedanke einer universalen Menschenliebe in seiner Ethik kaum zur Geltung kommen.

Das Philanthropie-Ideal der Blütezeit Athens blieb in der Epoche des Hellenismus (336-30 v.u.Z.)lebendig. Bei den griechischen Stoikern der hellenistischen Zeit kommt das Wort philanthropia allerdings selten vor. Die damit verbundenen Vorstellungen entsprechen aber ihrer Denkweise, denn die stoische Ethik geht von dem Grundsatz einer naturgegebenen Gleichheit aller Menschen aus. Diesen Gedanken begründeten die Stoiker mit der geistigen Verwandtschaft der Menschen aufgrund der allen gemeinsamen Vernunft. In der stoischen Philosophie wird ein altruistischer Einsatz für andere gefordert, der nicht nur Angehörigen, Freunden und Bekannten zugutekommen soll, sondern jedem Menschen.


Judentum
Der Gedanke einer universalen Menschenliebe über die ethnischen Schranken hinaus war im Judentum ab der Epoche des babylonischen Exils präsent. Im fünften Buch Mose (Deuteronomium) wird an die Feststellung „Er (Gott) liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung“ die Anweisung geknüpft: „Auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.“ Bei der Stelle im Deuteronomium handelt es sich um einen frühestens um die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. in eine ältere Fassung des Textes eingefügten Zusatz.

Der im frühen 1. Jahrhundert n. Chr. tätige jüdische Philosoph Philon von Alexandria verstand unter Philanthropie die Fürsorge für alle Menschen und für jeden einzelnen, aber auch für alle anderen Lebewesen.


Rom
Laut der Rhetorica ad Herennium (1. Jhr. v.u.Z.) ist das Merkmal der humanitas das Mitgefühl, das als besondere Qualität des Menschen gilt, die sein Wesen von der tierischen Wildheit und Grausamkeit abhebt. Der antike lateinische Begriff humanitas bezeichnet allgemein das Menschsein sowie die Normen und Verhaltensweisen, die den Menschen ausmachen.

Spätestens bei Cicero (106-43 v.u.Z.) trat aber neben die herkömmliche Hauptbedeutung von humanus und humanitas eine weitere hinzu, die sogar in den Vordergrund rückte. Nach seinem Verständnis gehörte zum Menschentum nicht nur eine wohlwollende „Humanität“, sondern in erster Linie Bildung. Dabei ging es ihm um die Verwirklichung eines Bildungsideals, das an die griechische Paideia anknüpfte. Bei seinem Bildungsziel setzte Cicero allerdings einen anderen Akzent als die griechischen Vorbilder, indem er mit der humanitas die Eigenart des spezifisch Menschlichen (im Unterschied zum Tier und zum Gott) hervorhob.

Die römische humanitas, in der die beiden Elemente Menschenfreundlichkeit und Bildung verschmolzen, stellte eine Neuschöpfung dar: gebildete Römer waren von dem griechischen Philanthropie-Ideal beeindruckt und übernahmen die Ansicht, aber bei ihnen stand der Aspekt von Bildung, Kultiviertheit und allgemeinem Wohlwollen im Vordergrund, nicht das Element der karitativen Betätigung.

In diesem Sinne stellte Cicero fest, die „menschliche“ Gesinnung (lateinisch humanitas) sei von den Griechen nicht nur praktiziert worden, sondern von ihnen zu den anderen Völkern ausgegangen.

Bis 63 v.u.Z. bezeichnete er mit humanitas allgemein die „Menschlichkeit“, das heißt alles, was den Menschen spezifisch als solchen auszeichnet, einschließlich der philanthropischen Menschenfreundlichkeit; erst dann begann er zusätzlich eine Bildung, die höhere Kultur ermöglicht, als wesentlichen Bestandteil in die humanitas einzubeziehen.

Eine zentrale Rolle spielte für dieses Verständnis von Menschentum die Fähigkeit zur sprachlichen Kommunikation auf hohem Niveau, die ein erstrangiges Bildungsziel war. Sie zeigte sich im öffentlichen Leben – in der Politik und im Rechtswesen – als Beredsamkeit, im alltäglichen privaten Umgang als Urbanität, das heißt als Höflichkeit, Witz, Anmut und Leichtigkeit in der Ausdrucksweise, worin sich eine gelassene Haltung spiegelte.

In der römischen Kaiserzeit griff Seneca (1-65 u.Z.) das Konzept der humanitas auf, verengte es aber, indem er nur die ethische Zielsetzung als wesentlich betrachtete. Die Stoiker der Kaiserzeit, in erster Linie Seneca, gingen von einem Humanitätskonzept aus, das sich weitgehend mit dem traditionellen griechischen Ideal der Menschenfreundlichkeit deckt. Wie schon Cicero verwendeten sie den lateinischen Ausdruck humanitas zur Wiedergabe der Bedeutung von philanthropia. Unter allen antiken Autoren war Plutarch (45-125 u.Z.) derjenige, der die Begriffe „Philanthropie“ und „Philanthrop“ am häufigsten verwendete. Dazu gehören Höflichkeit und Großzügigkeit ebenso wie eine freundliche Gesinnung gegenüber allen Menschen, die auch Feinde einschließt, und eine humane Behandlung der Tiere, die zur Einübung des philanthropischen Wohlwollens dienen soll.

Der Schriftsteller Aulus Gellius (2.Jhr.) ging in seinem Werk Noctes Atticae auf das Verhältnis von humanitas und philanthropia ein. Er meinte, nach der ursprünglichen, korrekten Verwendung des lateinischen Worts bezeichne dieses etwas anderes als der griechische Ausdruck. Unter philanthropia verstehe man eine gewisse Umgänglichkeit und ein allen Menschen gleichermaßen geltendes Wohlwollen. Die Bedeutung von humanitas hingegen entspreche ungefähr der des griechischen Ausdrucks paideia („gute Erziehung“, „Bildung“). Wer sich aufrichtig um Bildung bemühe, sei in höchstem Maße menschlich; daher nenne man das spezifisch Menschliche – die Bildung – „Menschlichkeit“ (humanitas).

In spätantiken Kaisergesetzen wurde die humanitas („Menschlichkeit“) als Maxime der Entscheidungen des Herrschers genannt, eine Tugend, die im Wesentlichen der griechischen philanthropia entspricht.

Im paganen Neuplatonismus (Mitte 3.Jhr.) der Spätantike wurde die Philanthropie eng mit der Frömmigkeit verbunden.

Kaiser Julian (360–363) strebte eine Neubelebung der römischen Religion an und versuchte das Christentum zurückzudrängen. In der traditionellen philosophischen Menschenfreundlichkeit fand er ein Leitbild, das mit dem christlichen Ideal der Nächstenliebe konkurrieren sollte. Er unterstellte den Christen, sie hätten das alte Konzept der Philanthropie übernommen und zu Unrecht als genuin christlich ausgegeben, um damit für ihre Religion zu werben.

Im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit wurde die Philanthropie vielfach als bedeutende Herrschertugend betrachtet und gerühmt. Man erwartete von einem guten Herrscher, dass er dem Ideal eines mächtigen, umsichtigen und fürsorglichen Wohltäters seiner Untertanen entspreche. Die Menschenfreundlichkeit wurde auch zu einem wichtigen Teil des Selbstbildes und der Selbstdarstellung von Königen und Kaisern


Renaissance-Humanismus
Den Begriff humanitas übernahmen die Renaissance-Humanisten von ihrem wichtigsten antiken Vorbild, dem Redner Cicero. Cicero hatte betont, dass sich der Mensch vom Tier durch die Sprache unterscheidet, und damit eine Begründung dafür geboten, dass die Pflege der Sprachkunst als des spezifisch Menschlichen in den Mittelpunkt der Erziehung zu stellen sei.

Als man im 13./14. Jhr. begann, die Lektüre der antiken „heidnischen“ Dichter offensiv gegen die Kritik konservativer kirchlicher Kreise zu rechtfertigen, kam ein Element hinzu, das als vorhumanistisch bezeichnet werden kann. Eine Pionierrolle spielten die Vorhumanisten Lovato de’ Lovati (1241–1309) und Albertino Mussato (1261–1329) und der Dichter und Geschichtsschreiber Ferreto de’ Ferreti († 1337).

Der eigentliche Humanismus begann um die Mitte des 14. Jahrhunderts mit Petrarca. Im Unterschied zu den Vorhumanisten stellte sich Petrarca (1304-1374) scharf und polemisch in Gegensatz zum gesamten mittelalterlich-scholastischen Bildungswesen seiner Zeit. Stark von Petrarca beeinflusst war der etwas jüngere Giovanni Boccaccio (1313-1375). Neu im Sinne eines Aufbruchs in die Renaissance war, dass Petrarca den Menschen in den Mittelpunkt des Weltgeschehens rückt – im Gegensatz zum mittelalterlichen Weltbild, in dem Gott als Weltenlenker fest verankert war. Sein Name liegt dem Begriff "Petrarkismus" zugrunde, der eine bis ins 17. Jahrhundert verbreitete Richtung europäischer Liebeslyrik bezeichnet und z. B. William Shakespeare stark beeinflusste.

Im engeren Sinne wird als Humanismus das sich vom Mittelalter und der Scholastik abwendende geistige Klima des 15. und 16. Jahrhunderts bezeichnet. Man unterscheidet dabei zwischen der Renaissance als dem umfassenden kulturellen, wissenschaftlichen und sozialen Wandel zwischen Mittelalter und Neuzeit und dem Humanismus als der Bildungsbewegung, die den Umbruch begleitete und ihm wichtige Impulse gab.

Der (insbesondere römische) Renaissance-Humanismus wurde von den Päpsten finanziell gefördert. Einen entscheidenden Anstoß gab dem römischen Humanismus die weitsichtige Kulturpolitik Papst Nikolaus’ V. (1447–1455). Er holte prominente Humanisten an seinen Hof, veranlasste Übersetzungen aus dem Griechischen und schuf als eifriger Büchersammler die Basis für eine neue Vatikanische Bibliothek. Mit Papst Pius II (1458–1464) stellten sie selbst einen bedeutenden Humanisten.

Der berühmteste und einflussreichste Humanist der frühen Neuzeit war Erasmus von Rotterdam (um 1467-1536), dessen philosophia christiana die Überbetonung der rhetorischen Kultur relativierte. Weder Philipp Melanchthons Grundlegung der protestantischen Bildung noch das Schulwesen der Jesuiten sind ohne humanistischen Einfluss denkbar.

Die Scholastikkritik der humanistischen Reformtheologen, die sich für eine Reform der herrschenden Theologie einsetzten, prägte viele spätere Reformatoren. Der teilweise unmoralische Lebenswandel der Kirchenoberen und Priester zog einen mehr oder weniger ausgeprägten Antiklerikalismus nach sich.

Niederländischer Späthumanismus
Die Werke von Erasmus wurden 1559 katholischerseits verboten. Sie blieben jedoch vor allem im Zuge des niederländischen Befreiungskampfes gegen die spanische Krone eine wichtige Inspirationsquelle seiner gelehrten Landsleute, die wiederum weit ausgreifende Impulse vor allem in von der Reformation erfassten Teilen Europas setzten. Die Ausrichtung des niederländischen Späthumanismus an stoischem Gedankengut konnte sich auf Erasmus stützen, der von den Schriften Senecas noch stärker angezogen war als von denen Ciceros.

In der Frühen Neuzeit (15.-18. Jhr.) bezeichnete der Ausdruck „Philanthropie“ zunächst eine allgemeine Menschenliebe und auch die Liebe Gottes zu den Menschen. Zum Gegenstand einer neuen philosophischen Reflexion wurde die philanthropische Menschenliebe mit dem Einsetzen der Frühaufklärung.


Aufklärung
In der Epoche der Aufklärung wurden die Begriffe „Menschenfreundschaft“ und „Menschenliebe“ aufgegriffen. Philosophen erhoben die Menschenliebe zu einem zentralen Bestandteil der Wesensbestimmung des Menschen. Dabei verband sich das Konzept einer naturgegebenen menschenfreundlichen Gesinnung oder „Menschlichkeit“ mit Impulsen, die aus der christlichen Forderung der Nächstenliebe stammten. Der Begriff Aufklärung bezeichnet die um das Jahr 1700 einsetzende Entwicklung, durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. 

In der 1762 publizierten, sehr einflussreichen Schrift "Emile oder über die Erziehung" von Jean-Jacques Rousseau wird die Bedeutung der Menschenliebe in der Pädagogik betont. Man solle die menschliche Gattung in Ehren halten und die Kinder lehren, alle Menschen zu lieben, auch diejenigen, welche die anderen geringschätzen.

Immanuel Kant äußerte sich 1797 in seiner Schrift "Die Metaphysik der Sitten". Er fasste die „Menschenliebe (Philanthropie)“ unter praktischem Gesichtspunkt als sittliche Forderung auf. Sie dürfe nicht als Lust an der Vollkommenheit anderer Menschen, nicht als „Liebe des Wohlgefallens“ verstanden werden, denn dann wäre sie ein Gefühl; es könne aber keine Verpflichtung durch andere geben, ein Gefühl zu haben. Vielmehr müsse man die Liebe als „Maxime des Wohlwollens“ denken, die das „Wohltun“ zur Folge habe.

Arthur Schopenhauer verwarf Kants Bestimmung der Menschenliebe als Tugendpflicht. Ihr liege eine viel zu weite Ausdehnung des Begriffes Pflicht zugrunde. Gerechtigkeit und Menschenliebe seien keine Pflichten; vielmehr seien sie die beiden „Kardinaltugenden“, aus denen sich alle übrigen Tugenden ableiten ließen. Die gemeinsame Wurzel beider sei das Mitleid. Die alleinige Quelle von uneigennützigen Taten der Menschenliebe sei die unmittelbare, instinktartige Teilnahme am fremden Leiden


Neuhumanismus
bezeichnet die Wiedererweckung der (literatur-)humanistischen Bewegung etwa ab 1750 in Deutschland. Den Begriff prägte der Schulhistoriker Friedrich Paulsen (1885). Während die französische humanistische Tradition die griechische Antike zwar nicht unbeachtet ließ, aber doch ungleich stärker das Römertum favorisierte, erwachte in bildungsorientierten Kreisen in England und besonders in Deutschland im 18. Jahrhundert ein vehementes Interesse an altgriechischer Kunst und Kultur. Hinzu kam in der Epoche von Sturm und Drang eine Vorliebe für das Originalgenie und alles Ursprüngliche auf Kosten jeglicher Nachahmung bzw. Ableitung „aus zweiter Hand“. Damit waren die Römer gegenüber den Griechen, war Latein gegenüber Altgriechisch allenfalls zweite Wahl. Durch Herder gewann der Begriff Humanität im deutschsprachigen Raum nachhaltige Verbreitung.

Die Entwicklung eines theoretischen Gesamtkonzepts neuhumanistischer Bildung wie auch dessen Verankerung in staatlichen Institutionen war das Werk Wilhelm von Humboldts. Einerseits mit den in Sturm und Drang sich entfaltenden und bald als „Dichterfürsten“ gefeierten Schiller und Goethe befreundet, andererseits zu den führenden klassischen Philologen seiner Zeit in Beziehung stehend, propagierte auch Humboldt das Studium der Griechen als wirksames Mittel der Persönlichkeitsbildung in intellektueller, ethischer und ästhetischer Hinsicht


„Dritter Humanismus“
Die Bezeichnung Dritter Humanismus – nach dem Renaissance-Humanismus und dem Neuhumanismus – stammt aus einer 1921 gehaltenen Rede des Berliner Philosophen Eduard Spranger. „Aber ein Unterschied unseres Humanismus, den man den dritten nennen könnte gegenüber jenem zweiten, liegt in der Weite des Suchens und des Verstehens, das wir Modernen aufzubringen vermögen. Alle echte Bildung sei humanistisch: „Bildung des Menschen zum Menschen.“

Der bedeutendste Repräsentant des sogenannten Dritten Humanismus war Werner Jaeger. Für Jaeger beginnt der Humanismus mit der Übernahme der griechischen Kultur im Römischen Reich. Der griechische Bildungsgedanke sei dann im Christentum in eigenständiger Weise fortgesetzt worden. Konstitutiv für jede Erscheinungsform von Humanismus sei dabei die Struktur des Wiederaufnehmens. Die abendländische Geschichte wird bei Jaeger zu einer Reihe von Erneuerungen der griechischen Bildungsidee. Im Zentrum von Jaegers Bildungsidee steht die Paideia.


Der Begriff des evolutionären Humanismus bezeichnet eine neuere, naturalistisch geprägte Strömung innerhalb der humanistischen Weltanschauungen, die den Menschen als Teil eines umfassenden Evolutionsprozesses sieht. Sie wird historisch zurückgeführt auf Julian Huxley, den ersten Generaldirektor der UNESCO, der dieser Strömung ihren Namen gab und der sich für eine „wissenschaftliche Religion“ ohne Gott und ohne Offenbarung aussprach, in welcher Evolution ein universeller und alles durchdringender Prozess sei. Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff des evolutionären Humanismus eng verbunden mit der Giordano-Bruno-Stiftung, welche sich als Denkfabrik dieser Strömung sieht.

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