Direkt zum Hauptbereich

Göttersöhne im AT

aus einem Briefwechsel mit einem christlichem Theologen:

Theologe P.:
Richtig daran ist, daß für "'älohim" an einigen Stellen unsicher ist, ob da nur einer oder mehrere mit gemeint seien. (In den allermeisten Stellen ist das freilich deutlich.) Ebenfalls richtig ist, daß der singularische Gebrauch des Pluralwortes auf einen Herrschafts- und Hoheitsplural zurückgeht, wie er auch in anderen semitischen Sprachen für die Vokabel "Gott" belegt ist und (zumindest) im Hebräischen auch für andere Vokabeln außer "Gott). Daher meinte 'älohim ursprünglich mal einen besonders mächtigen Gott. Im biblischen Sprachgebrauch ist das allerdings nirgends mehr zu spüren. Auch andere Götter, von Baal über Astarte bis Kemosch werden einzeln 'älohim genannt - und denen soll ganz gewiß keine herausragende Position im Götterhimmel zugestanden werden!


Frage:
Die Arbeitsteilung der Götter in bezug auf die Menschen stellte man sich so vor, dass den untergeordneten Göttern von El Eljon ein bestimmtes Volk zugeteilt wurde. Davon berichtet 5. Mose 32:8,9 wie folgt: "Als Eljon die Völker als Erbbesitz gab, als er die Menschen verteilte, setzte er die Gebiete der Völker fest nach der Zahl der Götter. Da wurde Jahwes Anteil sein Volk, Jakob der ihm zugemessene Erbbesitz."

Da steht im hebräischen Text: "... setzte er die Gebiete der Völker fest nach der Zahl der Söhne Israel. ...". In der antiken griechischen Übersetzung "Septuaginta" steht statt "Söhne Israel" "Engel Gottes", interessanterweise auch in einer Schrift aus Qumran. Die Vulgata sowie zwei spätantike griechische Bibelübersetzer (Symmachus und Origenes) setzen einen hebräischen Text "Söhne Gottes / der Götter" voraus, wobei offensichtlich 'el / 'elim dagestanden hat, nicht 'älohim. Die "Göttersöhne" - bekannt aus 1.Mose6,3, werden aber "bene 'älohim" geschrieben, so daß ein "bene 'el" durchaus altertümlich wirkt. Da die "Göttersöhne" später durchaus als "Engel" aufgefasst wurden, lange vor Septuaginta und Qumran, wäre die bezeugte Variante "Engel Gottes" als jüngere Abwandlung aus "Söhne Gottes" verständlich.

Jedenfalls ergibt die Passage aus 5.Mose32,8-9 tatsächlich auch einen Sinn, wenn El Äljon, der Göttervater die Welt in so viele Teile aufteilen würde, wie es Götter gibt, damit dann jeder ein Gebiet und Volk abbekommt. So wird denn auch ausdrücklich ein Volk JHWH zugeordnet. Diese mythische Vorstellung steht durchaus dahinter. Aber schon bei der Aufnahme in der Bibel könnte der Autor El für JHWH gehalten haben und die "bene 'el" für das "Heer des Himmels", den "himmlischen Hofstaat", engelartige Wesen halt.


Theologe P.:
Das Wort Götter wird hier übrigens von den meisten Übersetzern bewusst falsch mit Söhnen Israels übersetzt, was im Textzusammenhang nicht mal Sinn macht, aber ohne Hinweis auch kaum bewusst wahrgenommen wird. Diese Textpassage wurde schon in der Septuaginta gefälscht um den Monotheismus der Israeliten zu betonen.


Frage:
Und hier wird’s dann etwas unehrlich! Ausgerechnet die Septuaginta bewahrt noch halbwegs richtig die ursprüngliche Bedeutung. Und der "Fehler" steckt nicht in der Übersetzung aus dem Hebräischen - durch die bösen, bösen Bibelübersetzer - sondern in der hebräischen Bibel selbst. Da steht statt "bene 'el" eben "bene jißra'el".


Theologe P.:
Die Fürsorge der zuständigen Götter für die Menschen ließ offensichtlich manchmal zu wünschen übrig. Es gab zuviel Arme und Bedürftige, die von den Göttern anscheinend vergessen worden waren. Bei einer Götterversammlung wird den Teilnehmern einmal ins Gewissen geredet. Der Sprecher wird als Elohim bezeichnet. Er scheint ein dem El Eljon direkt untergeordneter Gott zu sein, so eine Art Minister-, bzw. Götterpräsident. Er bedroht seine Götterkollegen sogar mit ihrer Entthronung und dem Tod. Davon spricht Psalm 82: "Elohim steht auf in der Gottesversammlung, im Kreis der Götter hält er Gericht. Wie lange noch wollt ihr ungerecht richten und die Frevler begünstigen? Verschafft Recht den Unterdrückten und Waisen, verhelft den Gebeugten und Bedürftigen zum Recht! Befreit die Geringen und Armen, entreißt sie der Hand der Frevler! Wohl habe ich gesagt: ihr seid Götter, ihr alle seid Söhne Eljons. Doch nun sollt ihr sterben wie Menschen, sollt stürzen wie die Fürsten."

In der Tat kann hier so ne Art Ätiologie des Monotheismus vorliegen. Psalm 82 klärt, wieso es ursprünglich mal viele Götter gab, jetzt nur noch einen, nämlich JHWH. Ursprünglich stand jedenfalls der Gottesname am Anfang und nicht 'älohim. Aber Psalm 82 steht in einem Abschnitt des Psalmbuches, der konsequent "elohistisch redigiert" wurde: sämtliche Belege von JHWH wurden zu 'älohim umgestaltet.

Da der Vorwurf des HERRN an die Götter derselbe ist, den die Propheten des 8. bis 6.Jh. an das Volk respektive dessen Führer richten, könnte freilich von Anfang an gemeint gewesen sein, daß mit den 'älohim der Ratsversammlung, die dann verurteilt werden, gar nicht Götter gemeint waren, sondern eben die "Fürsten" Israels. In der Tat begegnet die Vokabel 'älohim zuweilen auch für Könige im Sinne von "göttlicher". Jedenfalls gibt es aus der Umwelt Israels keinen vergleichbaren Mythos vom Verurteilen sämtlicher Götter oder gar einem Sterblichmachen. Daß ein Gott durch die Ratsversammlung der Götter zum Obersten bestimmt wird, das gibt es durchaus, ebenso daß ein Gott das Primat usurpiert. Aber beides liegt hier nicht vor, nur ganz allgemein die Ratsversammlung.

Schon das antike Judentum bezog Psalm 82, das Gericht, nicht auf Götter, sondern auf sich. Jesus zitiert das "ich habe gesagt, ihr seid Götter" (das tatsächlich wenig Sinn ergibt, wenn es an Götter gerichtet wäre) und bezieht es auf sein Volk.


Frage:
Führende Forscher auf dem Gebiet der Religionsgeschichte behaupten noch heute gelegentlich: Das AT befasst sich in erster Linie mit dem Kult des Gottes Jahwe. Dass bei einem Leser biblischer Texte in der Übersetzung dieser Eindruck entsteht, ist die Folge einer sprachlichen Manipulation. Morton Smith, S. 9


Theologe P.:
Das machen auch weniger führende, und nicht nur "noch heute" oder auch nur "gelegentlich". Dem widerspricht keiner unter Theologen wie Religionsgeschichtlern oder sonstigen Fachleuten. Wenn etwas ein "das ist so" verdient, dann daß das AT vom "JHWH-Kultus" handelt. Daß hier auch andere Vorstellungen aufgegriffenund integriert wurden, steht auf einem anderen Blatt.


Frage:
Nach einer allgemeinen Übereinkunft kommt der Name Jahwe in den deutschen Bibeln nicht vor, sondern wird durch Herr ersetzt. Die Namen der Götter El, Elohim, Eljon werden hingegen durch Gott ersetzt. Auch die Eigennamen anderen Gottheiten werden teilweise ausgetauscht, so z.B. der Gott Schaddai durch der Allmächtige. Das verleitet die Bibelleser zu der Annahme, in der Bibel sei durchwegs immer von dem gleichen Gott die Rede.

Theologe P.:
Naja, wenn 'äljon oder schaddaj gar kein Göttername ist sondern ein Epitheton, ne Art Charakterisierung von El ist, dann ist das eben so. Deswegen steht im Hebräischen ja auch zumeist "'el 'äljon" (wörtlich "El, oberster") da oder "'el schaddaj". Merke, der 'el 'äljon kommt auch in Texten außerhalb Isaels vor, älter als Israel. Na und wenn JHWH eben der "Gott Israels" ist (Land- und Volksverteilung!), dann heißt das auf Hebräisch eben "JHWH 'elohe jißra'el" ('elohe ist die Form von 'älohim, die in einer Genitivverbindung steht). Und in verschiedenen Texten der Bibel steht nun mal auch "'el 'elohe jißra'el" oder "JHWH, der 'el 'äljon", oder "(JHWH sagt: ) ich bin 'el schaddaj". Wenn also jemandem vorgeworfen werden kann, hier alle Götter zu einem Einheitsbrei zu verrühren, dann nicht den pösen pösen Übersetzern, sondern den Leuten, die die hebräischen Texte verfaßt haben. Wichtig: Es gibt keine hebräische Bibel, die eigentlich von diversen Göttern handeln würde.

Frage:
In der religiösen Praxis der Folgezeit verschmolzen allmählich die beiden Gottheiten El-Eljon und Jahwe, und wurden zu einem Gott, der den Namen Jahwe-El, oder auch nur Jahwe erhielt. Dieser Gottheit wurden jetzt die Eigenschaften der beiden Götter El-Eljon und Jahwe zugeschrieben, womit der Gott Jahwe vom Stammesgott einer kleinen Wüstensippe zum Herrscher des Himmels und der Erde aufstieg. Auf diesen neuen Gott Jahwe wurden später alle Ereignisse der Vergangenheit zurückgeführt und überlieferte Texte wurden entsprechend überarbeitet.


Theologe P.:
Der Gott Israels hat Aspekte von weit mehr Göttern aufgenommen als nur von El. Selbst Züge Baals, des biblischen Gegengottes schlechthin, finden sich bei JHWH. Allerdings - ich habe es extra in der vollständigen hebräischen Konkordanz nachgeschlagen - gibt es keinen einzigen Beleg für eine Gottesbezeichnung "JHWH El" Oder "El JHWH". Nicht daß es keine Stellen gäbe, an denen diese beiden Wörter so hintereinanderstünden, aber nicht als "Name".

Daß hier eine Überarbeitung von mythischen Vorstellungen gegeben hat sowie Götteridentifizierungen, steht außer Frage.

Kurzer Nachtrag: Bevor David Jerusalem eroberte, begleitete ihn der Priester Abjatar. In Jerusalem gabs neben Abjatar dann noch den Priester Zadok. Und: Womöglich ist Zedeq keine eigenständige Gottheit, sondern der Sonnengott Schamasch, der oft als Richtergott und Gott der Gerechtigkeit galt (zädäq heißt ja gerecht).

--------------------

aus dem Brief von Hr. Pertti (siehe oben im thread) : Die "Göttersöhne" - bekannt aus 1.Mose6,3, werden aber "bene 'älohim" geschrieben, so daß ein "bene 'el" durchaus altertümlich wirkt. Da die "Göttersöhne" später durchaus als "Engel" aufgefasst wurden, lange vor Septuaginta und Qumran, wäre die bezeugte Variante "Engel Gottes" als jüngere Abwandlung aus "Söhne Gottes" verständlich.

hab dazu eine Parallele aus dem polytheistischen Kanaan gefunden:

El (wörtlich: Gott), ugarit. Hauptgott, Schöpfer des Universum, Vater der Götter,(Macrokosmos), Stiergott, grauhaarig und mit Bart, verheiratet mit Athirat, .... alle Kinder des El werden „Banu-Elima“ (Els Söhne) genannt

Ich denke mal das "bene´el" und das "Banu-Elima" dürften das Selbe meinen.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Subventionen des Staates an die Kirchen

Kirchenfinanzen - Der Raubzug der Kirche beim Staat
Wussten Sie, dass die Bundesrepublik Deutschland jedes Jahr Subventionen von ca. 15 Milliarden Euro an die Kirchen bezahlt? Dass also wir alle, die Bürger dieses Landes, dieses Geld bezahlen, gleich welchen Glauben wir haben?
http://www.stop-kirchensubventionen.de/












Das Informationsportal der unabhängigen Humanistische Union und der Giordano-Bruno-Stiftung:
http://www.staatsleistungen.de/

Verein zur Umwidmung von Kirchensteuern e.V., ein Verein kirchenkritischer evangelischer und katholischer Christen, die die Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuerzahlung voneinander entkoppeln wollen:
http://www.kirchensteuern.de/

Ein Portal der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) über Kirchenfinanzen:
http://www.ekd.de/kirchenfinanzen/starts...enfinanzen.html

Die Kirche und das Geld - Fragen und Antworten vom Bistum Mainz:
http://www.bistummainz.de/bistum/bistum/finanzen/index.html


Verzicht auf Einnahmen

Steuerverluste durch steuerliche Absetzbar…

christliche Foltermethoden

Der Befragungsstuhl

... war in vielen Varianten im Einsatz. Die klassische Variante ist der gespickte Stuhl. Bei diesem befinden sich sowohl auf Sitz, Lehne, Bein -und Armbereich Dornen, die sich mit Verschärfung der Folter in das Opfer bohrten.




Sehr beliebt war auch die Kombination des Stuhls mit Feuer. Bei dieser Variante wurde ein Stuhl aus Metall verwendet und vor oder unter dem Stuhl ein Feuer entfacht.












Geigen















Die Wasserfolter

Da gab es z. B. die Wasserfolter: Der Körper des Angeklagten wurde auf einer schräg liegenden Tischplatte festgebunden oder an straff gezogenen Seilen frei in der Luft schwebend nur von einem Schemel in der Körpermitte gestützt. Dann musste das Opfer Unmengen von Flüssigkeit schlucken: 6 Liter bei der kleinen, 12 bei der großen Wasserfolter. Wer die Zähne zusammen presste, dessen Mund wurde vom Henker mit einer eisernen Zange aufgerissen. Der goss dann weiteres Wasser aus einer Literkanne in den Mund des Gequälten. Viele der Opfer erstickten daran, oder sie erl…

Sinn und Funktion von Religion

"Die Wahrheit einer Religion liegt nicht da, wo sie die Gläubigen vermuten"
(Emile Durkheim)

Menschliche Konstrukte und/oder kirchliche Dogmen können uns angesichts der Sinnlosigkeit des Daseins helfen, die unendliche Komplexität der Welt auf ein menschlich handhabbares Maß zu reduzieren. (sinngemäß Niklas Luhmann)

"Da sich alle Gläubigen in jeweils ihrem Glaube, in ihrer Religion wohl fühlen, gleich, welche spezifischen Merkmale diese Religion hat, muss es etwas anderes als dieses Merkmal sein, was sie zufrieden stellt" Es ist das genetisch verankerte Bedürfnis nach Sicherheit in jedem Menschen, das (auch) durch Religion befriedigt wird. (Dieter Brandt)

--------

Definitionsversuche des Begriffes "Religion"
- Der substanzialistische Religionsbegriff bezieht sich auf inhaltliche Merkmale von Religion, da die Definition vom Wesen der Religion abgeleitet wird und die wesentlichen Merkmale von Religion charakterisiert werden sollen. Er begreift Religion als …