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Was ist Religionskritik?



Dr. Michael Schmidt-Salomon, Trier

Was ist Religionskritik?
MIZ 2/04

Um der „Mär vom Ende der Religionskritik“ entgegenzutreten und den bedauerlichen Umstand ein wenig zu kompensieren, dass die Religionswissenschaft bislang Religionskritik weitgehend ignoriert hat, soll nachfolgend skizziert werden, was „Religionskritik“ bedeutet und in welch vielfältigen Formen sie in Erscheinung tritt.

Definition

Der Begriff „Religionskritik“ kennzeichnet das Ergebnis und Verfahren der Infragestellung der Grundlagen und Wirkungen religiöser Weltbilder, Handlungsweisen und Institutionen. Grundsätzlich können zwei Ebenen der Religionskritik unterschieden werden: Die allgemeine Religionskritik beschäftigt sich mit dem „Wesen der Religion“, analysiert also Strukturen, die allen Religionen gemeinsam sind. Die spezielle Religionskritik untersucht die Grundlagen und Wirkungen einer spezifischen Religion (Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, politische Religionen etc.) incl. ihrer Institutionen (Kirchen, religiöse Unternehmen etc.). Zusätzlich kann differenziert werden zwischen religionsimmanenter Kritik (Vertreter der Religion A kritisieren Religion A), interreligiöser Kritik (Vertreter der Religion A kritisieren Religion B), und religionsfreier Kritik (Säkularisten unterziehen Religion A, B oder C oder „das religiöse Denken an sich“ einer Kritik).
Während ein religionsimmanenter Kritiker kaum eine radikale, d.h. an die Wurzel gehende Kritik seiner eigenen Religion leisten kann (sonst würde er sich außerhalb dieser Religion stellen), kann der interreligiöse Kritiker sehr wohl in der Lage sein, spezifische (ihm fremde) Religionen von der Wurzel her in Frage zu stellen. Daher kann es auf dem Gebiet der speziellen Religionskritik durchaus interreligiöse Ansätze einer radikalen Religionskritik geben, auf dem Sektor der allgemeinen Religionskritik ist dies jedoch prinzipiell nicht möglich, da interreligiöse Kritiker sich auf diese Weise den eigenen weltanschaulichen Boden unter den Füßen wegziehen würden. Allgemeine Religionskritik in konsequenter Form kann also nur von säkular denkenden Menschen betrieben werden.

Die Bedeutung normativer Prämissen

Während die Religionswissenschaft religiöse Phänomene und Institutionen nur beschreibt, ist Religionskritik darauf ausgerichtet, religiöse Weltbilder, Handlungsweisen und Institutionen zu bewerten. Dies geschieht nicht nur auf der Basis logischer und empirischer Kriterien, sondern (insbesondere auf ethischem Gebiet) durch den Rekurs auf normative Prämissen, die je nach weltanschaulichem Standpunkt des Kritikers höchst unterschiedlich ausfallen können. So basiert die humanistische Religionskritik (die vom Verfasser vertreten wird) auf der Setzung, dass alle Menschen (welchen Geschlechts, Hautfarbe, Kultur oder Gesellschaftsschicht auch immer!) gleichberechtigt sein sollten in ihrem Streben, die eigenen Vorstellungen von „gutem Leben“ im Diesseits zu realisieren. Prinzipiell ist es aber auch möglich, Religionskritik (vor allem spezielle Religionskritik) von anderen ethischen Standpunkten aus zu betreiben (beispielsweise im Rahmen einer nationalistischen Weltanschauung oder – wie oben beschrieben – aus der Perspektive einer spezifischen Religion).

Methodische Zugänge

Religionskritik kann von verschiedenen methodischen Zugängen bestimmt sein. Die historisch forschende Religionskritik beispielsweise bewertet Religionen auf der Basis ihrer geschichtlichen Entwicklung (prominentestes Beispiel: Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“). Die psychologische Religionskritik beruht auf einer Analyse der psychischen Kosten, die durch die Annahme religiöser Deutungsmuster entstehen, bzw. einer Analyse der Entwicklungsbedingungen religiöser Wahrnehmungsverzerrungen (Sigmund Freud, Wendell Watters, Franz Buggle usw.). Die politisch-ökonomische bzw. soziologische Religionskritik thematisiert die Funktion der Religion als Agentur zur Stützung gesellschaftlicher Repressionsverhältnisse (vor allem in der Nachfolge von Karl Marx, der Religion als „Heiligenschein des Jammertals“ begriff), die philosophische Religionskritik analysiert vornehmlich die logischen Widersprüche innerhalb spezifischer religiöser Weltdeutungsmuster sowie die erkenntnistheoretischen Probleme, die mit religiösen „Wahrheitsansprüchen“ per se verbunden sind (u.a. Epikur, David Hume, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, Ludwig Feuerbach, Bertrand Russell, Hans Albert, Gerhard Streminger, Hubert Schleichert), die naturwissenschaftliche Religionskritik entzaubert religiöse Deutungsmuster, indem sie diese mit empirischen Forschungsergebnissen konfrontiert und valide Erklärungsmuster für die Entstehung religiöser Phänomene liefert (u.a. Giordano Bruno, Julien Offray de La Mettrie, Ernst Haeckel, Edward Wilson, Richard Dawkins, Franz Wuketits). Jeder dieser Erklärungsansätze hat seine Berechtigung, es ist aber zu vermuten, dass eine interdisziplinäre Religionskritik, die all diese Ansätze in sich vereint, stärkere Wirkungen entfalten könnte als die einzelnen Ansätze für sich alleine. Eine solche interdisziplinäre Religionskritik scheint sich gerade auszubilden.

Geschichte

Die Geschichte der Religionskritik ist so alt wie die Geschichte der Religionen und mit dieser aufs Engste verzahnt. So führte die Kritik am Hinduismus zur Entstehung des Buddhismus, die Kritik am Judentum zur Entstehung des Christentums, die Kritik am Katholizismus zur Entstehung des Protestantismus etc. Aber nicht nur die hier zum Vorschein kommende religionsimmanente und interreligiöse Religionskritik ist seit Jahrtausenden virulent, auch die religionsfreie Religionskritik kann auf eine lange Tradition zurückblicken: Epikur beispielsweise argumentierte schon präzise in Richtung einer Unlösbarkeit des Theodizeeproblems, lange bevor Leibniz die brennende Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens in der Welt in apologetischer Absicht aufwarf und mit diesem Begriff belegte. Zweifellos gelangte die konsequent religionsfreie Religionskritik aber erst in den letzten drei Jahrhunderten zu ihrem eigentlichen Durchbruch – ausgelöst u.a. durch die Aufklärung, die einen starken wissenschaftlichen Entzauberungsprozess in Gang setzte, der bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist.

Religionskritik und Wissenschaft

Trotz der anfänglichen Zurückhaltung der Forschung in Hinblick auf religiöse Phänomene ist die Wissenschaft die mächtigste Verbündete der Religionskritik. Wie stark Wissenschaft und religionskritisches Denken heute miteinander verwoben sind, ergibt sich aus einer Studie, die im Juli 1998 in der britischen Fachzeitschrift „Nature“ publiziert wurde: Hiernach müssen 93 Prozent der amerikanischen Spitzenwissenschaftler (Mitglieder der National Academy of Sciences) zur Gruppe der „Religionsfreien“ gezählt werden, was angesichts der Bedeutung religiöser Deutungsmuster in der amerikanischen Gesellschaft für eine hohe Korrelation von wissenschaftlichem und religionskritischem Denken spricht.




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Michael Schmidt-Salomon

Religion und Gewalt: Warum die Religionen keine „treibende Kraft für eine Kultur des Friedens“ sind (Osnabrück, 19.10.2010).

Mir ist die Aufgabe zugefallen, hier und heute sozusagen den „Gegenvortrag“ zum morgigen Referat von Hans Küng zu halten. Natürlich weiß ich nicht, was Herr Küng unter dem Titel „Eine gemeinsame Vision vom Frieden in der Welt? Religionen als treibende Kraft für eine Kultur des Friedens“ genau sagen wird, aber ich kann mir ungefähr ausmalen, worauf sein Referat hinauslaufen wird:

Herr Küng wird einräumen, dass es da durchaus Probleme im interreligiösen Dialog gibt, aber er wird nicht müde werden, zu betonen, dass ein Weltfrieden ohne Religionsfrieden unmöglich ist. Glücklicherweise weiß Hans Küng jedoch, wo die Lösung für die weltweiten Konflikte zu finden ist, nämlich im sogenannten „Humanum“. Denn Küng zufolge tragen alle Weltreligionen als „Kern“ das „wahrhaft Menschliche“ in sich, was unser Weltethos-Spezialist zweifelsfrei mit einem Potpourri der schönsten Verse aus den heiligen Schriften der Weltreligionen belegen wird.

Sicherlich wird Hans Küng auch mit einigem Stolz darauf hinweisen, wie weit der „interreligiöse Dialog“ in den letzten Jahren vorangekommen ist und wie enorm wichtig es ist, dass dieser Dialog konsequent fortgesetzt wird (was dann auch erklärt, warum die öffentliche Hand nicht nur den morgen beginnenden Kongress großzügig sponsert, sondern schon seit Jahren beachtliche Mittel bereitstellt, damit sich religiöse Experten und Laien aller Konfessionen an runden Tischen bzw. auf internationalen Konferenzen treffen können). Küng ist selbstverständlich davon überzeugt, dass ein verantwortungsvoller Politiker bei einer solch großartigen Vision wie der „Vision vom Frieden in der Welt“ einfach nicht geizig sein kann und darf. Und ich fürchte, dass nur die wenigsten seiner Zuhörer dabei an das schöne Wort unseres Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt denken werden, der einmal sagte, dass derjenige, der Visionen hat, doch bitte zum Arzt gehen sollte – und nicht in die Politik.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich wäre hoch erfreut, wenn Hans Küng mit seinem interreligiösen „Projekt Weltethos“ Recht behalten würde. Wie viel besser sähe unser Welt aus, wenn die Religionen tatsächlich „eine treibende Kraft für eine Kultur des Friedens“ sein könnten! Doch allein: Mir fehlt der Glaube – oder genauer: ein belastbarer Beleg zur Annahme dieses Glaubens.

Ich bin von den Veranstaltern gebeten worden, meinen Vortrag möglichst kurz zu halten, so dass möglichst viel Zeit für die Diskussion bleibt. Deshalb möchte ich nun ohne weitere Vorrede zu meiner ersten These kommen. Sie lautet:

Der „wahre Kern“ der Religionen ist nicht das „Humanum“, sondern die konfliktträchtige Differenzierung zwischen Ingroup- und Outgroup-Mitgliedern.

Man muss, wie ich meine, die „Heiligen Schriften“ der Religionen schon höchst selektiv lesen, um in ihnen ausgerechnet die Idee des „Humanum“, des „universal Menschlichen“, zu entdecken. Denn diese Texte orientieren sich (was historisch nur zu verständlich ist) eben nicht am Leitgedanken der Menschenrechte, die universell, also für jede Person gelten. Sie differenzieren vielmehr zwischen frommen Mitgläubigen, denen man mit Milde, Freundlichkeit, Respekt und Fairness begegnen soll, und Andersdenkenden, Andersgläubigen, die derartige Rücksichtnahme nicht verdienen.

Während die humanistische Ethik notwendigerweise auf alle Menschen die gleichen Prinzipien anwendet, um auf diese Weise Diskriminierungen aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität, Bildung, sozialer Herkunft, sexueller Präferenz, Religionszugehörigkeit etc. aufzuheben, sind die Religionen geradezu darauf ausgerichtet, weltanschauliche Diskriminierungen vorzunehmen. Deshalb ist es auch verkehrt, von einer christlichen oder muslimischen Ethik zu sprechen. Denn jede Religion kennt (unabhängig von allen innerreligiösen Streitigkeiten) mindestens zwei grundverschiedene Ethiken, nämlich eine religiöse Binnenmoral, die das Verhältnis zu den jeweiligen Glaubensbrüdern und -schwestern bestimmt, sowie eine religiöse Außenmoral, die den Umgang mit Nichtgruppenmitgliedern betrifft.

Quelle und Resttext: http://www.schmidt-salomon.de/religion_gewalt.pdf













Warum Religionskritik in der Wissenschaft noch immer ein Tabuthema ist
„Religionskritik gefährdet Ihre wissenschaftliche Karriere!“ – Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass die EU-Bildungsminister beschließen werden, religionskritische Bücher (analog zu den einprägsamen Horrorszenarien auf Zigarettenpackungen) mit einem derartigen Warnhinweis zu verzieren, so ist der Zusammenhang doch offensichtlich, wie nicht nur die Lebensgeschichte Ludwig Feuerbachs belegt. Zwar haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert, die ideologische Abspaltung der Religionskritik von der Wissenschaft wurde jedoch längst nicht aufgehoben. Dabei sollte heute eigentlich jedem ernsthaft wissenschaftlich Denkenden bewusst sein: Ebenso wie seriöse Religionskritik nur noch auf wissenschaftlicher Basis formuliert werden kann, so wird auch die traditionelle Wissenschaft zunehmend erkennen müssen, dass sie selbst offensiv religionskritische Inhalte produzieren muss, um ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.
...
http://www.schmidt-salomon.de/feuersynd.pdf










Leseempfehlungen:
Prof. Dr. Ernst Topitsch (aus: Aufklärung und Kritik)
Naturrecht im Wandel des Jahrhunderts

Hans Albert & Michael Schmidt-Salomon
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Hans Albert
Die Idee der kritischen Vernunft

Michael Schmidt-Salomon
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Religionskritiker I: Antike und Mittelalter: http://hpd.de/node/9023
Religionskritiker II: Neuzeit: http://hpd.de/node/9059
Religionskritiker III: 20. und 21. Jahrhundert: http://hpd.de/node/9086

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